Inge Salcher




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Über Herrn Dr. Kopfermann, welchem ich für seine Besuche und Gespräche im Atelier sehr dankbar war und noch immer bin - er war sozusagen mein "Lehrer" - lernte ich Helmut Berninger kennen. Berninger's Malerei und Denken beeindruckten mich, ebenso wie die von ihm geschriebenen Texte und Bücher. Texte zur Musik von Michael Kopfermann, sowie die theoretischen Schriften von Wassiliy Kandinsky, Hans Hofmann und Willi Baumeister um nur wenige zu nennen, prägten mein eigenes Urteilsvermögen und bestärken mich in der Weiterentwicklung der abstrakten Malerei, welche meiner Meinung nach solange aktuell bleiben kann und darf, solange durch sie und in ihr "Neues" gefunden werden kann.

Von Eugène Ionesco fand ich treffende Gedanken zur Malerei und Musik. Diesen Abschnitt aus seinem Text "Theatererfahrung" will ich nun aus dem Heft Akzente 4/64, einer Zeitschrift für Dichtung zitieren:

"Die Sprachen der Malerei und der Musik haben sich entwickelt und sind dabei immer im kulturellen Stil ihrer Zeit geblieben. Trotzdem haben sie nie ihren malerischen oder musikalischen Charakter verloren. Die Entwicklung der Malerei z.B. war nie etwas anderes als die fortwährende Wiederentdeckung der Malerei, ihrer Sprache, ihres Wesens. Die Entwicklung der mordernen Malerei bestätigt uns das. Seit Klee, Kandsinsky, Mondrian, Braque und Picasso versucht die Malerei nichts anderes als sich von dem zu befreien, was nicht Malerei ist: von der Literatur, der Anektdote, der Geschichte und der Fotografie. Die Maler versuchen, die Grundgesetze der Malerei, die reinen Formen und die Farbe als solche wiederzuentdecken. Hierbei handelt es sich weder um Ästhetizismus noch um das, was man heute etwas unklar Formalismus nennt, sondern um die Wiederentdeckung allgemeiner Wahrheiten, die sich hier malerisch in einer ebenso offenen Sprache ausdrücken wie im Wort oder im Ton. Wenn man anfänglich glauben konnte, daß da ein gewisser Zerfall der malerischen Sprache stattfand, so ging es doch nur um eine Askese um eine Reinigung, um eine Aussonderung von allen Sprachen, die nicht dazugehören. Genauso muß man zunächste das Theater auseinandernehmen und die falschen theatralischen Sprachen aussondern, ehe man versucht, wie man es für die Malerei getan hat, es gereinigt und verwesentlicht wieder neu zu formulieren."

Ich betrachte meine Arbeit als Malerin und Musikerin als einen Prozeß.

Was das prozesshafte Arbeiten betrifft, so denke ich - würde es sogar für notwendig halten - wäre die Voraussetzung ein gewisses "Ausgangsmaterial" (in der Malerei z. B. die Farbexperimente - in der Musik z. B. die Tonmöglichkeiten ), welches so beschaffen ist, daß es schier unendlich viele Entdeckungen neuer Kombinationen oder auch das Finden "neuer" Töne in der Musik in sich birgt.

Beziehungen einzelner Farbflächen (bewegt oder "stehend") zueinander, das "Wie" des Aufeinandertreffens der Farbränder, Proportionsverhältnisse variabler "Volumina" und deren Ausdehnungen, Rhythmen, Hell-Dunkel-Gewichtungen, sich ergebende "Farben-Form-Zusammenhänge" und deren "Umkippungen" sind nur Beispiele für Gedanken, die mich beschäftigen.

Folgende Vorgehensweise hat sich als günstig für mich herausgestellt: drei oder vier gleich große Grundflächen sind um mich herum aufgestellt, weiß grundiert. Die vorbereiteten Farbmischungen (meist mehr als 10 Farbtöne) werden dann - zur Zeit wieder beidhändig - nacheinander rundum aufgetragen. Um das Fortschreiten der Bilder zu beurteilen, ist es für mich wie zwingend, immer wieder innezuhalten, um dann mit aktualisiertem Bewußtsein fortfahren zu können. Mein Denken kreist da um Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Mich in diesem Prozeß befindend, bin ich offen für das, was passiert: Auf bereits "Ertöntes" reagierend, mit den Farben gegensetzend oder hineinsetzend, Unbekanntes zulassend, wird die Grundfläche als "Bezugsraum" gestaltet.


München, November 2018